Aus Vertragsarbeiter*innen werden Madgermanes

Versammlung ehemaliger Vertragsarbeiter*innen “Madgermanes”, in Beira, Mosambik, Juni 2016, Foto: Julia Oelkers

Wie kam es zum Einsatz der Vertragsarbeiter*innen aus Mosambik?

von Hans-Joachim Döring

Spätestens Mitte 1977 erkannte die SED-Führung eine schwerwiegende Devisenkrise ihrer Planwirtschaft. Den schwachen Erträgen des DDR-Außenhandels standen internationale Kreditverplichtungen in harter Währung in anderthalbfacher Höhe gegenüber. Es kam zur Überschuldung, der Staatsbankrott drohte. Honeckers Politik stand auf dem Spiel. Frische Devisen mussten dringend mobilisiert oder substituiert werden. Dazu boten sich auch vor allem drei afrikanische Länder aus dem US-Dollar-Währungsraum an: Angola, Äthiopien und Mosambik.

Alle drei Staaten hatten sich erst wenige Jahre zuvor von der Kolonialherrschaft befreit, waren marxistisch ausgerichtet und wollten rasch die Entwicklungsrückstände aufholen. Für ihre ambitionierten Pläne suchten sie dringend Partner. Die DDR-Funktionäre bekundeten den afrikanischen Ländern ihre Solidarität, wollten aber vor allem die guten politischen Verbindungen „versilbern“. Hinter jeder „sozialistischen Bruderhilfe“ standen handfeste ökonomische Interessen. Das SED-Politbüro startete eine „Exportoffensive Afrika“. Mit der generalstabsmäßigen Durchführung wurde Alexander Schalck-Golodkowski und sein „Bereich Kommerzielle Koordinierung“ (BKK, kurz: KoKo) mit dem Ziel beauftragt, „sichtbare ökonomische Ergebnisse für die DDR vorzuweisen, nicht nur einseitige Solidaritätsaktionen“.

Honecker in Mosambik

Ende Februar 1979 besuchte Honecker die ehemalige portugiesische Kolonie in Südostafrika, die seit 1975 unabhängig war.

Erich Honecker und Samora Machel 1979 am Flughafen von Maputo, Mosambik Bild: Cuxa Kanema

Über 80 Verträge wurden geschlossen, sogar eine direkte Flugverbindung Ost-Berlin–Maputo eingerichtet. Diverse Großprojekte liefen an, oft ohne Konzept, ebenso die Planungen zum Einsatz von Mosambikanern in der DDR-Wirtschaft.

Erich Honecker und Samora Machel unterschreiben Regierungsabkommen 1979 in Maputo, Mosambik, Bild: Cuxa Kanema

Schuldentilgung durch Lohntransfer

In den folgenden Jahren wuchsen Mosambiks Schulden gegenüber der DDR immens an, auch wegen der überdurchschnittlichen Zinssätze. Doch ein Schuldenerlass gegenüber einem befreundeten und zugleich gefährdeten Entwicklungsland war für die SED kein vordringliches Thema. Vielmehr wurden 1986 von Schalck-Golodkowski neue Planzahlen zur Devisenerwirtschaftung vorgegeben. Das neue Ziel lautete: Schuldenabbau durch gesteigerte Einreisen der mosambikanischen Arbeiter in die DDR. Innerhalb eines Jahres sollten 4500 zusätzliche Vertragsarbeiter in die DDR kommen, ohne Vorbereitung auf beiden Seiten. Die DDR wollte die Schulden Mosambiks über einbehaltene Lohnanteile von Vertragsarbeitern tilgen und die Vertragsarbeiter waren zeitgleich Lückenfüller des Arbeitskräftmangels im SED-Staat.

Erzwungene Abgaben

Zwischen 1979 und 1985 wurden pauschal 25 Prozent der monatlichen Nettolohnsumme jedes Arbeiters und jeder Arbeiterin abgezogen. Später, ab 1986 wurden oberhalb eines Sockelbetrags von 350 DDR-Mark sogar 60 Prozent als sogenannter „Transferplichtbetrag“ einbehalten. Unter „Transfer“ wurde eine personengebundene, von den Betrieben einbehaltene und zentral abgeführte Summe des monatlichen Nettoarbeitslohnes verstanden. Die Beträge wurden direkt im Betrieb vom Nettolohn abgezogen, an das DDR-Finanzministerium überwiesen und der KoKo zur „Verrechnung“ zur Verfügung gestellt.

Ein früherer Mitarbeiter des DDR-Staatssekretariates für Arbeit und Löhne berichtet auf einer Konferenz 2019 in Magdeburg: „[…] die von den Vertragsarbeitern ‚transferierten‘ Beträge wurden von Anfang an im gegenseitigen Einvernehmen beider Regierungen nicht nach Mosambik überwiesen, sondern in der DDR in die zwischenstaatliche Verrechnung mit einbezogen, um somit zum Schuldenabbau des Landes beizutragen.“

Offene Rechnung

Die Praxis der Schuldentilgung – verrechnen statt transferieren – wurde den Vertragsarbeitern nicht mitgeteilt. Vielmehr wurde ihnen durch Einzelverträgevereinbarungen mit den örtlichen DDR-Betrieben zugesichert bzw. vorgespielt, dass für sie  Einzelkonten in Mosambik eingerichtet werden, auf die sie in der Heimat später zugreifen könnten. Von staatlicher Seite wurden sie auf diese Weise systematisch per Vertrag getäuscht und betrogen. Denn die Konten blieben leer und die abgezogenen Lohnanteile verblieben in der DDR. Hinzu kommen bis heute nicht geklärte Rentenansprüche aus Einzahlungen in das DDR-Sozialsystem.
Text: Hans-Joachim Döring, Auszug aus “Bittere Solidarität, fehlende Anerkennung, offene Rechnungen”, in: Gerbergasse 18, Thüringer Vierteljahreschrift für Zeitgeschichte und Politik, Ausgabe 2/2019

Der Kampf der Madgermanes

Nach ihrer Rückkehr nach Mosambik waren die versprochenen Bankkonten der Vertragsarbeiter*innen leer. Den wenigsten wurden die einbehaltenen Löhne ausgezahlt. Ihre in der DDR erlernten Berufe wurden in Mosambik nicht gebraucht.  Viele der ehemaligen Vertragsarbeiter*innen  leben heute in bitterer Armut. Schon Anfang der 90er haben sie sich organisiert und demonstrieren als „Madgermanes“ regelmäßig für ihre Rechte. Vom mosambikanischen Staat werden sie drangsaliert, von der Gesellschaft erfahren sie oft Häme und Geringschätzung. Für den organsierten Lohnbetrug übernimmt bis heute niemand Verantwortung.

Demonstration ehemaliger Vertragsarbeiter*innen in Maputo, Mosambik, Februar 2019, Foto: Constantino Manuel Chinguemane